Der Trainer, der sich selbst überflüssig macht
Autor: Dennis Sandig
Was wäre, wenn der Trainer morgen nicht mehr da wäre? Wüsste der Nachwuchsathlet, wie er sich auf ein Training vorbereitet? Könnte er einschätzen, ob er müde oder tatsächlich erschöpft ist? Würde er erkennen, wann er eine Belastung durchziehen kann und wann eine Anpassung sinnvoll wäre? Könnte er nach einem schlechten Wettkampf Probleme analysieren, ohne sofort auf eine fertige Antwort des Trainers zu warten?
Diese Fragen führen zu einem Aspekt der langfristigen Athletenentwicklung, über den meines Erachtens zu wenig gesprochen wird: Ein guter Trainer entwickelt nicht nur sportliche Leistung. Er entwickelt zunehmend die Fähigkeit des Athleten, selbst gute Entscheidungen zu treffen. Der zugrunde liegende Gedanke findet sich auch im Ausgangsmaterial: Mit zunehmendem Alter sollte sich die Verantwortung schrittweise vom Erwachsenen zum Athleten verschieben.
Jugendliche sind keine kleinen Erwachsenen
Im Nachwuchsleistungssport entsteht spätestens im Jugendalter eine eigentümliche Zwischenposition. Ein 16- oder 17-jähriger Athlet ist kein Kind mehr, das lediglich spielerisch an Sport herangeführt wird. Gleichzeitig ist er aber auch noch kein erwachsener Spitzenathlet. Die Anforderungen steigen. Training wird spezifischer, Wettkämpfe gewinnen an Bedeutung, Entscheidungen haben größere Konsequenzen. Gleichzeitig laufen biologische, psychologische und soziale Entwicklungsprozesse weiter. Genau deshalb ist die Gleichung „mehr Leistung = mehr Erwachsenenleistungssport“ zu einfach. Die Herausforderung besteht darin, Anforderungen zu erhöhen, ohne Entwicklung vorzeitig für abgeschlossen zu erklären. Das betrifft nicht nur die körperliche Belastung. Es betrifft vor allem Verantwortung.
Vom Anweisen zum Entscheidenlernen
Bei jungen Kindern organisieren Erwachsene fast alles. Eltern sorgen für Fahrten und Verpflegung, Trainer bestimmen Trainingsinhalte, Wettkämpfe und Belastungen. Das ist zunächst sinnvoll. Mit zunehmendem Alter müsste sich dieses Verhältnis jedoch verändern. Der Athlet sollte lernen, warum er bestimmte Dinge trainiert. Er sollte Rückmeldung darüber geben können, wie er Belastungen wahrnimmt. Er sollte an Entscheidungen beteiligt werden und zunehmend Verantwortung für Vorbereitung, Regeneration und Training übernehmen.
Das Ziel kann schließlich kaum darin bestehen, einen Athleten hervorzubringen, der hervorragend funktioniert, solange ein Trainer jede Entscheidung für ihn trifft. Im Gegenteil: Gerade ein erfolgreicher langfristiger Entwicklungsprozess müsste daran erkennbar sein, dass der Athlet seinen Trainer mit zunehmendem Alter für bestimmte Entscheidungen immer weniger benötigt.
Autonomie bedeutet nicht: Mach, was du willst
Dabei ist Autonomie nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln. Ein Nachwuchsathlet wird nicht selbständig, indem der Trainer Verantwortung einfach abgibt. Selbständigkeit muss gelernt werden. Dazu gehören Wissen, Erfahrungen und die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen und deren Folgen zu reflektieren. Der Trainer bleibt dabei wichtig – seine Rolle verändert sich jedoch. Aus demjenigen, der Antworten vorgibt, wird zunehmend jemand, der dabei hilft, bessere Fragen zu stellen.
Warum fühlte sich die Einheit heute ungewöhnlich schwer an? Welche Informationen sprechen dafür, morgen wie geplant zu trainieren? Was hat vor dem letzten guten Wettkampf funktioniert? Welche Erklärung hast du für die aktuelle Entwicklung? Solche Fragen sind trainingsmethodisch vielleicht weniger spektakulär als ein neuer Leistungstest. Langfristig könnten sie aber mindestens ebenso bedeutsam sein.
Fehler gehören zur Entwicklung
Das bedeutet zwangsläufig, dass junge Athleten auch Entscheidungen treffen werden, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Genau das ist der Punkt. Wer jeden Fehler verhindert, verhindert auch einen Teil des Lernens. Natürlich gilt das nicht dort, wo Gesundheit oder Sicherheit gefährdet sind. Aber innerhalb eines geschützten Rahmens müssen Nachwuchsathleten ausprobieren, entscheiden und gelegentlich scheitern dürfen.
Das gilt auch für Training. Ein Athlet muss lernen, seinen Körper wahrzunehmen, Rückmeldungen einzuordnen und zwischen normaler Anstrengung und problematischen Signalen zu unterscheiden. Kein Wearable kann ihm diese Kompetenz vollständig abnehmen. Im Gegenteil: Wer Athleten daran gewöhnt, Entscheidungen ausschließlich von einem grünen oder roten Wert auf einer App abhängig zu machen, erzeugt möglicherweise Datenkompetenz – aber noch keine Urteilskompetenz.
Der Trainer als Wissensvermittler – und als Gegenüber
Damit erhält auch das Erfahrungswissen des Trainers eine besondere Funktion. Ein guter Trainer besitzt nicht einfach Antworten, die er an den Athleten weitergibt. Er verfügt über Erfahrungen, Vergleichsmöglichkeiten und Musterwissen, mit denen er Wahrnehmungen des Athleten einordnen kann.
Dieses Wissen sollte aber nicht dauerhaft Abhängigkeit erzeugen. Es sollte schrittweise dazu beitragen, die Urteilskraft des Athleten zu verbessern. Das verändert die vielleicht wichtigste Frage an Nachwuchstraining. Wir fragen häufig: Wie entwickeln wir leistungsfähigere Athleten?
Ergänzend sollten wir fragen: Wie entwickeln wir Athleten, die zunehmend verstehen, warum sie tun, was sie tun? Das Ausgangsmaterial formuliert diesen Entwicklungsgedanken sehr deutlich: Der langfristige Anspruch besteht nicht darin, einen Athleten zu entwickeln, der nur unter permanenter Anleitung funktioniert, sondern einen, der Vorbereitung, Training, Erholung und Anpassung zunehmend selbst beurteilen kann. Vielleicht ist das sogar ein unterschätztes Qualitätsmerkmal guter Nachwuchsarbeit. Der erfolgreiche Trainer ist dann nicht derjenige, ohne den nichts funktioniert. Sondern derjenige, dessen Athleten irgendwann auch ohne ihn gute Entscheidungen treffen können.
