Autor: Dennis Sandig
Im Nachwuchsleistungssport versuchen wir aus guten Gründen, Risiken zu reduzieren. Trainingsbelastungen werden geplant, Bewegungsabläufe korrigiert, Wettkampfkalender abgestimmt, medizinische Untersuchungen durchgeführt und immer mehr Daten erhoben. Eltern, Trainer, Ärzte und Verbände tragen Verantwortung für junge Athleten. Niemand wird ernsthaft dafür plädieren, vermeidbare Verletzungen oder Überforderungen als notwendige Bestandteile der Talententwicklung hinzunehmen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie junge Athleten lernen sollen, selbständig mit Belastung, Unsicherheit und schwierigen Entscheidungen umzugehen, wenn Erwachsene versuchen, möglichst viele dieser Entscheidungen für sie zu treffen? Eine interessante Perspektive darauf liefert zunächst ein Forschungsgebiet, das mit Nachwuchsleistungssport gar nicht unmittelbar zu tun hat: die Forschung zum sogenannten risky play oder adventurous play.
Risiko ist nicht dasselbe wie Gefahr
Kinder suchen Herausforderungen. Sie klettern, springen, raufen, fahren schnell und probieren aus, was sie sich zutrauen. In der Forschung werden solche Situationen unter anderem als risky play beschrieben. Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen Risiko und Gefahr. Ein loses Geländer, dessen Instabilität ein Kind nicht erkennen kann, ist eine Gefahr. Auf einen Baum zu klettern und selbst zu entscheiden, welchen Ast man noch erreicht, beinhaltet dagegen ein wahrnehmbares Risiko, das durch das eigene Handeln beeinflusst werden kann.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Brussoni und Kollegen aus dem Jahr 2015 fand Hinweise auf positive Zusammenhänge zwischen solchen Spielformen und verschiedenen körperlichen und sozialen Merkmalen. Allerdings war die Qualität der Evidenz je nach untersuchtem Ergebnis lediglich sehr niedrig bis moderat. Daraus lässt sich also gerade nicht ableiten, dass mehr Risiko automatisch zu einer besseren Entwicklung führt.
Dodd und Lester haben 2021 ein konzeptionelles Modell vorgeschlagen, das einen möglichen Mechanismus beschreibt. Abenteuerliches Spielen könnte Kindern wiederholt Situationen bieten, in denen Unsicherheit, körperliche Erregung und Angst auftreten, zugleich aber als selbst beeinflussbar und bewältigbar erlebt werden. Spätere empirische Untersuchungen fanden dazu passende Zusammenhänge. Dodd, Nesbit und FitzGibbon berichteten 2023 beispielsweise, dass Kinder, die nach Angaben ihrer Eltern mehr Zeit mit abenteuerlichem Spielen verbrachten, im Mittel weniger internalisierende Probleme aufwiesen. Auch hier gilt: Ein Zusammenhang ist kein Wirkungsnachweis. Die Studien zeigen nicht, dass abenteuerliches Spielen ursächlich zu psychisch stabileren Kindern führt.
Was heißt das für den Nachwuchsleistungssport? Ganz einfach: Wer nie lernt, mit Ungewissheit klarzukommen, wird daran scheitern, sobald es ernst wird. Wer Sicherheit erzeugen will, muss Raum für Unsicherheit lassen.
Der Transfer zum Nachwuchsleistungssport ist eine Analogie
An dieser Stelle ist eine wissenschaftliche Einschränkung notwendig. Die Forschung zu risky play untersucht spielende Kinder und nicht die Trainingssteuerung von Nachwuchsathleten. Aus diesen Studien lässt sich deshalb nicht empirisch ableiten, wie viel Entscheidungsfreiheit ein 16-jähriger Kaderathlet im Training erhalten sollte. Der Transfer ist eine Analogie. Aber diese Analogie führt zu einer relevanten Frage für die langfristige Athletenentwicklung: Wir wollen selbständige, reflektierte und eigenverantwortlich handelnde Athleten entwickeln. Gleichzeitig organisieren Erwachsene gerade bei talentierten Nachwuchsathleten zunehmend große Teile ihres Lebens.
Trainer planen Training und Wettkampf. Eltern organisieren Fahrten, Ernährung und Termine. Physiotherapeuten kümmern sich um Beschwerden. Leistungsdiagnostiker liefern Daten. Sportpsychologen vermitteln Strategien. Schulen schaffen Sonderregelungen. Verbände strukturieren Karrierewege. Monitoring-Systeme melden, ob Belastung und Erholung den Erwartungen entsprechen. Jede einzelne dieser Unterstützungsleistungen kann sinnvoll sein. Zusammengenommen kann daraus aber ein bemerkenswertes Paradox entstehen: Je professioneller das Unterstützungssystem wird, desto weniger muss der Athlet möglicherweise selbst entscheiden.
Selbständigkeit entsteht nicht mit dem 18. Geburtstag
Ein Nachwuchsathlet wird nicht plötzlich selbständig, weil er in den Erwachsenenbereich wechselt. Die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen, muss ebenso entwickelt werden wie sporttechnische oder konditionelle Fähigkeiten. Dazu gehört beispielsweise, die eigene Belastung einschätzen zu lernen. Müdigkeit wahrzunehmen und einzuordnen. Zwischen normaler Trainingsanstrengung und problematischen Beschwerden unterscheiden zu können. Zu verstehen, warum bestimmte Trainingsinhalte durchgeführt werden. Rückmeldungen zu geben. Entscheidungen mit dem Trainer zu diskutieren. Und mit zunehmendem Alter auch Verantwortung für Vorbereitung, Regeneration und Teile des Trainingsprozesses zu übernehmen.
Die Entwicklungsrichtung könnte man vereinfacht so beschreiben:
Anleitung → Beteiligung → Verantwortung → Selbständigkeit
Sicherheit ist mehr als die Abwesenheit von Risiko
Sicherheit lässt sich auf zwei Wegen erhöhen. Wir können die Umwelt so gestalten, dass möglichst wenige Gefahren entstehen. Das ist sinnvoll und in vielen Bereichen unverzichtbar. Wir können Kinder aber auch befähigen, Risiken selbst zu erkennen, einzuschätzen und mit ihnen umzugehen. Wer nur auf den ersten Weg setzt, nimmt Kindern die Gelegenheit, den zweiten zu lernen.
Eine Welt ohne Unsicherheit können wir Kindern ohnehin nicht bauen. Ebenso wenig ist es vernünftig, Risiken um ihrer selbst willen zu suchen oder vermeidbare Gefahren mit dem Verweis auf Entwicklung zu rechtfertigen. Erwachsene müssen Gefahren beseitigen, die Kinder nicht erkennen können, und Kindern Situationen lassen, in denen sie ihre eigenen Grenzen ausloten. Wo diese Grenze liegt, hängt vom Alter, von der Erfahrung und vom einzelnen Kind ab, und sie verschiebt sich mit jeder Erfahrung. Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass Erwachsene Risiken beseitigen, sondern auch dadurch, dass Kinder lernen, Risiken selbst einzuschätzen.
Nicht jeder Fehler ist ein guter Fehler
Fehler sind allerdings kein Wert an sich. In der Forschung zum motorischen Lernen gibt es mit dem errorless learning einen Ansatz, bei dem Lernumgebungen in frühen Phasen bewusst so gestaltet werden, dass wenige Fehler entstehen. Studien dazu zeigen, dass auf diese Weise erlernte Bewegungen unter bestimmten Bedingungen, etwa unter Druck oder bei zusätzlicher Aufgabenbelastung, stabiler sein können. Für den Nachwuchsleistungssport folgt daraus, dass Unsicherheit dosiert werden muss: genug, damit der Athlet eigene Einschätzungen treffen und überprüfen kann, aber nicht so viel, dass er überfordert wird oder ständig scheitert.
Wie das praktisch aussieht, ist wenig spektakulär. Der Trainer fragt nach einer Einheit zuerst nach der Einschätzung des Athleten und gibt erst danach seine eigene. Er erklärt, warum er eine Belastung so festlegt, und trifft solche Entscheidungen mit der Zeit gemeinsam mit dem Athleten. Für einzelne Situationen lässt er den Athleten selbst eine Lösung vorschlagen und wertet anschließend mit ihm aus, wie sie funktioniert hat. Eine falsche Entscheidung wird so zum Gegenstand der Auswertung. Welche Annahme lag ihr zugrunde, welche Information wurde übersehen, und was würde der Athlet beim nächsten Mal anders machen?Monitoring darf die Selbstwahrnehmung nicht ersetzen
Diese Frage gewinnt durch die zunehmende Datenerfassung im Nachwuchsleistungssport zusätzlich an Bedeutung. Herzfrequenz, HRV, Schlaf, GPS-Daten, Trainingsbelastung und subjektive Fragebögen können hilfreiche Informationen liefern. Problematisch wird es, wenn aus Unterstützung eine Verlagerung von Urteilskompetenz auf Messsysteme entsteht.
Ein Athlet sollte nicht lernen: „Meine Uhr sagt, dass ich schlecht regeneriert bin.“ Er sollte auch lernen, sich selbst zu fragen: Wie fühle ich mich? Wie habe ich geschlafen? Wie reagieren meine Beine auf die ersten Belastungen? Passt meine subjektive Wahrnehmung zu den Daten? Und was folgt daraus für die heutige Einheit? Das technische Monitoring kann diese Reflexion unterstützen. Es sollte sie nicht ersetzen. Gerade im Nachwuchsleistungssport wäre deshalb ein anderes Verständnis von Monitoring interessant: nicht nur Daten über Athleten sammeln, sondern Athleten zunehmend darin befähigen, Informationen über sich selbst zu interpretieren.
Auch der Trainer muss Kontrolle abgeben können
Damit verändert sich schließlich die Trainerrolle. Bei jüngeren Athleten ist der Trainer zwangsläufig stärker steuernd. Mit zunehmender Entwicklung sollte sich dieses Verhältnis jedoch verändern. Der Trainer bleibt Experte, aber der Athlet wird zunehmend zum Beteiligten am Trainingsprozess.
Das ist anspruchsvoll. Kontrolle abzugeben kann sich zunächst wie ein Verlust an Professionalität anfühlen. Ein detailliert vorgegebener Prozess wirkt schließlich kontrollierter als einer, in dem Athleten mitentscheiden und Entscheidungen gelegentlich auch anders treffen, als der Trainer es getan hätte. Aber langfristige Athletenentwicklung bedeutet nicht, möglichst lange perfekte Abhängigkeit vom Trainer herzustellen.
Ein interessantes Gedankenexperiment:
Was würde passieren, wenn der Trainer morgen nicht mehr da wäre?
Könnte der Athlet seine Belastung sinnvoll einschätzen? Könnte er Training und Regeneration organisieren? Würde er problematische Signale erkennen? Könnte er begründen, warum er eine bestimmte Entscheidung trifft? Und wüsste er, wann er Unterstützung benötigt? Je älter und erfahrener ein Nachwuchsathlet wird, desto häufiger sollte die Antwort darauf „ja“ lauten.
Athleten entwickeln heißt auch Urteilskraft entwickeln
Die Forschung zu risky play sagt nichts darüber, wie Nachwuchstraining organisiert werden sollte. Sie beschreibt ein allgemeineres Entwicklungsproblem: Wer lernen soll, mit Unsicherheit umzugehen, braucht Situationen, in denen er das tun kann. Eine Trainingsmethode folgt daraus nicht, wohl aber eine Frage an unsere Praxis.
Im Nachwuchsleistungssport investieren wir viel in optimierte Trainingsbedingungen, geringere Risiken und wissenschaftlich gestützte Entscheidungen. Deutlich weniger systematisch denken wir darüber nach, welche Entscheidungen ein Athlet in welcher Entwicklungsphase selbst treffen lernen sollte. Ein Athlet, der nur funktioniert, solange Trainer, Eltern und Betreuungssystem für ihn entscheiden, ist auf den Übergang in den Seniorenbereich schlecht vorbereitet. Gut vorbereitet ist einer, der dieses System nutzen kann und mit der Zeit immer weniger davon abhängt.
Neben der Frage, was wir für junge Athleten steuern können, gehört deshalb auch die Frage in jede Entwicklungsplanung, wann wir damit aufhören.
Literatur
Brussoni, M., Gibbons, R., Gray, C. et al. (2015). What is the Relationship between Risky Outdoor Play and Health in Children? A Systematic Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 12, 6423–6454.
Dodd, H. F. & Lester, K. J. (2021). Adventurous Play as a Mechanism for Reducing Risk for Childhood Anxiety: A Conceptual Model. Clinical Child and Family Psychology Review, 24, 164–181.
Dodd, H. F., Nesbit, R. J. & FitzGibbon, L. (2023). Child's Play: Examining the Association Between Time Spent Playing and Child Mental Health. Child Psychiatry & Human Development, 54, 1678–1686.
Maxwell, J. P., Masters, R. S. W., Kerr, E. & Weedon, E. (2001). The implicit benefit of learning without errors. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 54A, 1049–1068.
