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Programming im Athletiktraining: Warum Individualisierung zählt

Jeder Mensch ist einzigartig, in seinen körperlichen Voraussetzungen ebenso wie in seinen Erfahrungen und seiner Lebenssituation. Ob ich mit Profis arbeite oder mit Menschen, die gerade erst mit dem Sport beginnen: Immer wieder zeigt sich, wie sehr Training auf den einzelnen Menschen abgestimmt sein muss. Vorverletzungen, Belastungen im Alltag, Schlaf, Ernährung und persönliche Ziele beeinflussen, wie jemand auf Training reagiert und was er braucht.

Im Athletiktraining wird das besonders deutlich. Ein Programm kann auf dem Papier sauber geplant sein und trotzdem nicht wirken, wenn es die Voraussetzungen der Person nicht berücksichtigt, die es umsetzen soll.

Gleiches Training, unterschiedliche Wirkung

Dass Menschen unterschiedlich auf denselben Trainingsreiz reagieren, ist gut dokumentiert. Bekannt ist vor allem die HERITAGE Family Study: Rund 480 zuvor untrainierte Erwachsene absolvierten 20 Wochen lang ein standardisiertes Ausdauertraining. Im Mittel stieg die maximale Sauerstoffaufnahme deutlich, doch die Veränderungen reichten von nahezu keinem Zuwachs bis zu sehr großen Verbesserungen (Bouchard et al., 1999).

Diese Streuung darf man allerdings nicht vollständig als „echte“ individuelle Reaktion lesen. Ein Teil der beobachteten Unterschiede geht auf Messfehler und natürliche Tagesschwankungen zurück, wie Atkinson und Batterham (2015) methodisch herausgearbeitet haben. Für die Praxis heißt das: Individuelle Unterschiede in der Trainingsreaktion sind real, aber ein einzelner Test reicht nicht aus, um sie verlässlich zu erkennen. Wer individualisieren will, muss über die Zeit beobachten, wiederholt messen und Veränderungen im Kontext bewerten.

Was Individualisierung im Athletiktraining praktisch bedeutet

Individualisierung beginnt nicht bei der Übungsauswahl, sondern bei der Frage, wer vor einem steht. Eine frühere Kreuzbandverletzung verändert die Prioritäten im Kraft- und Sprungtraining. Ein Athlet mit wenigen Jahren Trainingserfahrung braucht andere Reize als jemand mit zehn Jahren systematischem Krafttraining. Wer beruflich oder schulisch stark eingespannt ist und schlecht schläft, verträgt in dieser Phase nicht dieselbe Belastung wie im Urlaub. Und wer im Athletiktraining vor allem Verletzungen vorbeugen möchte, verfolgt ein anderes Ziel als jemand, der seine Sprintleistung verbessern will.

Die Anforderungen der Sportart geben den Rahmen vor, die Person bestimmt, wie dieser Rahmen gefüllt wird. Zwischen Profis und Einsteigern unterscheiden sich dabei weniger die Fragen als die Antworten: Welche Voraussetzungen bringt jemand mit, was soll das Training verändern, und woran erkenne ich, ob es das tut?

Individualisierung bedeutet deshalb auch nicht, für jeden Athleten ein völlig eigenes Programm zu erfinden. Oft reichen gezielte Anpassungen bei Übungsauswahl, Umfang, Intensität oder Progression, solange sie auf einer begründeten Einschätzung beruhen und regelmäßig überprüft werden.

Literatur

Atkinson, G. & Batterham, A. M. (2015). True and false interindividual differences in the physiological response to an intervention. Experimental Physiology, 100(6), 577–588.

Bouchard, C., An, P., Rice, T., Skinner, J. S., Wilmore, J. H., Gagnon, J., Pérusse, L., Leon, A. S. & Rao, D. C. (1999). Familial aggregation of VO2max response to exercise training: results from the HERITAGE Family Study. Journal of Applied Physiology, 87(3), 1003–1008.


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