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Was bringen Carbon-Einlagen im Radschuh?

Mehr Leistung durch Carbon unter dem Fuß? Im Radsport klingt das zunächst durchaus plausibel. Carbon ist leicht und steif, Carbonrahmen, Laufräder und Sohlen gehören längst zum High-End-Material. Warum also nicht auch eine Carbon-Einlage in den Radschuh legen und damit die Kraftübertragung verbessern? Genau mit solchen Argumenten wurden Carbon-Einlagen für Radfahrer und Triathleten beworben. Neben einer höheren Leistung wurden teilweise auch biomechanische Vorteile und sogar eine mögliche Verringerung von Überlastungsproblemen in Aussicht gestellt. Die entscheidende Frage ist allerdings nicht, ob eine solche Erklärung plausibel klingt, sondern ob sich der behauptete Effekt tatsächlich messen lässt.



Plausibel ist noch lange nicht belegt

Eine steifere Einlage könnte theoretisch die Druckverteilung im Schuh verändern oder die Verformung des Fußes beeinflussen. Daraus folgt aber noch nicht automatisch, dass mehr Leistung am Pedal ankommt. Noch schwieriger wird es, wenn aus solchen biomechanischen Überlegungen Aussagen über die Prävention von Beschwerden oder Verletzungen abgeleitet werden. Dafür braucht es jeweils eigene empirische Belege.

Genau daran mangelte es lange. Viele Aussagen über Carbon-Einlagen stammten vor allem von Herstellern, Anwendern oder Sportlern, die entsprechende Produkte nutzten. Solche Erfahrungen können interessant sein, beantworten aber nicht die Frage, ob die Einlage tatsächlich einen kausalen und praktisch relevanten Leistungseffekt besitzt.

Was eine Untersuchung mit Radsportlern und Triathleten zeigte

Eine im Journal of Science and Cycling veröffentlichte Untersuchung ging der Frage experimentell nach. An der Studie nahmen 18 männliche Radsportler und Triathleten eines höheren Leistungsniveaus teil. Untersucht wurden die mittlere und die maximale Leistung in anaeroben Wingate-Tests. Dabei wurden Carbon-Einlagen mit herkömmlichen Einlagen verglichen; die Bedingungen wurden randomisiert und die Einlagen so maskiert, dass die Teilnehmer möglichst nicht erkennen konnten, welche Variante sie gerade verwendeten.

Das Ergebnis ist gerade deshalb interessant, weil sich der erwartete Leistungsvorteil der Carbon-Einlage nicht zeigte. Mit der Standard-Einlage betrug die mittlere Leistung 790,6 ± 50,3 Watt, mit der Carbon-Einlage 786,0 ± 45,0 Watt. Auch bei der Spitzenleistung lag die Standard-Einlage numerisch vorne: 891,7 ± 74,6 gegenüber 878,0 ± 64,9 Watt. Die Unterschiede waren statistisch nicht signifikant. Das bedeutet allerdings nicht, dass damit bewiesen wäre, dass Carbon-Einlagen grundsätzlich „nichts bringen“. Eine Studie mit 18 männlichen Sportlern und einem kurzen anaeroben Leistungstest erlaubt eine solche Schlussfolgerung nicht. Sie liefert aber auch keinen Beleg für die Behauptung, dass die untersuchte Carbon-Einlage die Leistung steigert.

Kein Effekt ist nicht dasselbe wie der Beweis, dass es keinen Effekt gibt Diese Unterscheidung ist wichtig. Gerade kleine Studien besitzen nur eine begrenzte Fähigkeit, geringe Effekte zuverlässig nachzuweisen. Außerdem beantwortet ein Wingate-Test nicht automatisch die Frage, was während eines mehrstündigen Radrennens, bei unterschiedlichen Schuhen oder bei individuellen Fußproblemen passiert.

Ebenso wenig lassen sich aus diesen Ergebnissen Aussagen über Komfort, Druckverteilung oder die Behandlung konkreter Beschwerden ableiten. Wenn eine individuell angepasste Einlage einem Fahrer beispielsweise hilft, schmerzfrei zu fahren, ist das eine andere Fragestellung als die Behauptung, eine Carbon-Einlage steigere unabhängig davon die sportliche Leistung. Und genau hier lohnt sich die Trennung zwischen möglichem individuellem Nutzen und allgemeinen Leistungsversprechen. Dass einzelne Sportler mit einer bestimmten Einlage besser zurechtkommen, belegt noch keinen generellen leistungssteigernden Effekt.


Kann man Leistung also mit Carbon kaufen?

Zumindest für einen unmittelbaren Leistungsvorteil liefert diese Untersuchung keinen überzeugenden Hinweis. Wer Carbon-Einlagen ausschließlich deshalb kaufen möchte, weil er sich davon zusätzliche Watt verspricht, sollte entsprechende Werbeaussagen deshalb kritisch prüfen: Welche Studie belegt den behaupteten Effekt? Wie groß war dieser Effekt? Bei welchen Sportlern wurde er gemessen? Und wurde tatsächlich die sportliche Leistung untersucht – oder lediglich eine biomechanische Größe, aus der anschließend ein Leistungsvorteil abgeleitet wurde?

Das ist ein gutes Beispiel für ein grundsätzliches Problem im Sport: Eine plausible Wirkungsweise ist noch kein Wirksamkeitsnachweis. Zwischen „könnte biomechanisch etwas verändern“ und „macht mich auf dem Rad schneller“ liegen mehrere Schritte, die empirisch überprüft werden müssen. Für die meisten Radsportler dürfte deshalb weiterhin gelten: Wer schneller fahren möchte, findet im Training wahrscheinlich mehr ungenutztes Potenzial als zwischen Fuß und Schuhsohle. Carbon kann hervorragendes Material sein. Zusätzliche Watt entstehen dadurch aber nicht automatisch.

Fazit

Carbon-Einlagen können möglicherweise individuelle biomechanische oder komfortbezogene Vorteile haben. Daraus sollte jedoch kein allgemeiner leistungssteigernder Effekt abgeleitet werden. Die hier untersuchte Carbon-Einlage erhöhte in einem anaeroben Leistungstest weder die mittlere noch die maximale Leistung statistisch nachweisbar. Das ist kein endgültiges Urteil über jede Carbon-Einlage und jeden Einsatzzweck – aber ein guter Grund, große Werbeversprechen mit angemessener Skepsis zu betrachten. Denn Leistung kann man nicht allein dadurch kaufen, dass irgendwo Carbon draufsteht.

Literatur: Journal of Science and Cycling, Vol. 2(2), S. 2–5.

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